Familie Bremme: Johann Matthäus

Gestatten, mein Name ist Johann Matthäus Bremme. Ich bin einer der Nachtwächter der Stadt Leipzig. Meine Kollegen heißen alle Bremme. Sie sind meine Vettern – ein Familienunternehmen so zu sagen, oder: die reine Vetternwirtschaft.

Mit all diesem neumodischen Kram habe ich nichts zu tun. Mein Beruf ist eher ein unehrbarer. Das klingt schlimmer als es ist. „Unehrbar“ bedeutet lediglich, dass man diesen Beruf nicht erlernen kann; er wird vererbt. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, dass mein Vater, mein Großvater usw. alle Nachtwächter waren. Ich habe nie eine Schule besucht. Lesen und Schreiben sind mir fremd. Wozu auch; ich habe meine Hellebarde und das reicht.

Manchmal bin ich aber schon neugierig und will wissen, was so geschrieben steht. Dann helfen mir meine Herrn Studenten, die ich eigentlich ins Stockhaus hätte abliefern müssen, weil sie besoffen und lärmend durch die Straßen zogen.

Als mein Vater mich das erste Mal mit zu seinem nächtlichen Rundgang nahm, war ich sehr stolz und fieberte schon Tage zuvor diesem Ereignis entgegen. Er zeigte, erklärte, warnte vor manch Übel und belehrte mich ständig. Für mich aber war es einfach nur ein großes Abenteuer. Heute weiß ich es besser. Gerade der Beruf des Nachtwächters ist anstrengend und voller Verantwortung, denn schließlich achten wir Nachtwächter darauf, dass keinerlei Gefahren den nächtlichen Schlaf der Leipziger stört.

Übrigens, neulich sah ich auf dem Campus der Universität eine junge Dame stehen! Für eine Magd war sie zu fein gekleidet. Es wird doch nicht etwa eine Studentin gewesen sein? Nehmen die jetzt schon Weiber an?

Die Welt scheint mir aus den Fugen zu geraten!

von Johann Matthäus Bremme

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